top of page

Nichts Besonderes

18. Okt.
2 Min. Lesezeit

Am Land, dort, wo ich aufgewachsen bin, waren wir Kinder das ganze Jahr über draußen.

Wir hatten neun Wochen Sommerferien, besonders heiße Badetage gab es nicht viele. In manchen Sommern regnete es bei uns im Ennstal so viel, dass der Sommer auf einen einzigen Tag im Juli fiel.

Nach dem Mittagessen trafen wir uns bei einer Freundin zu Hause, am Hof, im Wald oder auf einer Wiese zum Ballspielen, Comicslesen oder einfach nur zum Herumblödeln. Und es war uns manchmal auch so richtig fad.

Es gab nur zwei TV-Sender, und das Programm startete wochentags um 17.30 Uhr, am Mittwoch mit dem „Kasperl“ schon um 17 Uhr, der hatte mich aber kaum begeistert.

Unsere Eltern ließen uns besonders in den Ferien viel Freiraum und echte Freizeit: Nichts wurde für uns organisiert, wir arrangierten alles selbst. Es wurde nur festgelegt, wann wir zu Hause sein mussten – das war bei jeder Familie anders – meistens kurz vorm Abendessen.

Einmal wurde uns erlaubt, in einem kleinen Hallenbad schwimmen zu gehen, das zu einem bereits geschlossenen Tourismusbetrieb gehörte und nicht mehr öffentlich zugänglich war. Wir, das waren drei Freundinnen: Rosmarie, 10 Jahre alt, Monika, 8 Jahre, und ich im Alter von 6. Die beiden Älteren bekamen sicher den Auftrag von meiner Mutter, auf mich aufzupassen. Aber das war damals sowieso so: Die Großen, also die älteren Kinder, passten auf die Kleinen auf.

Wir drei Mädchen waren dort ganz allein, ohne Aufsichtsperson, und fühlten uns sehr privilegiert. Es war ein Geheimtipp und eine willkommene Abwechslung. Den jüngeren Geschwistern erzählten wir nichts davon, die wollten wir auf keinen Fall mitnehmen.

Das Becken war ungefähr 15 x 5 m groß und an einer Seite bestimmt 2 m tief.

Wir drei tobten herum und hatten viel Spaß. Und plötzlich ging ich einfach unter: Ich sank wie ein schwerer Sack in die Tiefe, alles war hellblau, am Beckenboden löste sich an manchen Stellen der Belag. Mir wurde schummrig vor den Augen und in meinem Kopf breitete sich etwas Dumpfes aus. Ich taumelte ganz unten am Boden herum und konnte mich nicht mehr bewegen. Wie in Trance vergingen die Sekunden, ich fühlte mich wie in Watte verpackt, und es war totenstill.

Auf einmal packte mich jemand am Oberkörper: Rosmarie zog mich nach oben, hob und schob mich über den Beckenrand und drehte mich auf den Rücken. Sofort bekam ich wieder Luft, und der Grauschleier verflog allmählich, ich spuckte etwas Wasser aus. Das war’s – alles wieder okay. Und dann tobten wir einfach weiter und hatten noch stundenlang Spaß miteinander.

Zu Hause erzählte ich nichts davon. Es war ja auch nichts Besonderes geschehen. Die große Rosmarie passte eben auf die kleine Sabine auf.

Jahrzehnte später wurde mir bewusst, dass Rosmarie mir mit ihrer schnellen Reaktion das Leben gerettet hatte. Wahre Heldinnentaten passieren oft im Kleinen und bleiben wohl in vielen Fällen von der Außenwelt unbemerkt. Vielen Dank, liebe Rosi, Heldin meiner Kindheit!

 
 
 

2 Kommentare


Susi
18. Okt.

Gott sei Dank,

Gefällt mir
Gast
19. Okt.
Antwort an

👍😍

Gefällt mir
bottom of page