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Die Sache mit den Sandalen

25. Aug.
2 Min. Lesezeit

Hast du schon mal einem 26-jährigen IT-Kollegen, der noch nie geflogen ist, eine homöopathische Beruhigungstablette angeboten und dabei insgeheim gehofft, dass sie wenigstens als Placebo wirkt? Ich schon.

Unser Unternehmen hatte für einen großen irischen Verlag ein Content-Management-System programmiert, und nun waren Änderungen fällig – vor Ort, in Dublin. Der junge Programmierer kannte das System wie kein Zweiter. Nur: Er war noch nie geflogen, und die Vorstellung, in zehntausend Metern Höhe eine Panikattacke zu bekommen, ließ ihn schon Tage vorher blass um die Nase werden.

„Ich begleite ihn“, sagte ich zu unserem Chef. „Mit meiner Reiseerfahrung und etwas Zureden – schaffen wir das.“ Der Chef war schnell überzeugt, der Kollege etwas zögerlicher, aber letztlich einverstanden.

An einem sonnigen Frühsommertag ging's los. Check-in, Security, der Marsch durch die Abflughalle – begleitet von möglichst beiläufigem Small Talk meinerseits, während sein Handgriff um die Bordkarte merklich fester wurde. Am Gate zog ich schließlich meine Geheimwaffe aus der Tasche: eine homöopathische Magenberuhigungstablette. „Da, nimm eine. Ich nehme auch eine, das schadet nie.“ Ob's die Homöopathie war oder einfach mein selbstsicheres Getue – er schluckte sie ohne zu zögern. Der Flug verlief ruhig. Und der Kollege war heilfroh über die sanfte Landung in Dublin.

Am nächsten Morgen, strahlend schön, marschierten wir zum Kunden. Mein Kollege verschwand sofort mit den anderen Programmierern hinter einer Tür, ich vertrieb mir die Zeit im Großraumbüro. Und was für ein Großraumbüro: an die siebzig Leute dicht an dicht, umgeben von gerade mal kinnhohen Trennwänden, ein einziges geschäftiges Stimmengewirr. Ich saß im „Coffee corner“, beobachtete das Treiben – und war heilfroh über meinen ruhigen, geräumigen Arbeitsplatz daheim in Wien.

Zum Lunch zog die ganze Redaktion los, hinaus in die herrliche Frühsommerluft, den Duft des Meeres in der Nase. Ich in meinem Sommerkleidchen, an den Füßen meine neuen Ledersandaletten – schließlich wollte ich nach der Arbeit noch Dublin genießen.

Und dann, auf dem Rückweg, lernte ich Dublin so richtig kennen.

Das Wetter hatte binnen Minuten umgeschlagen. Die Straße war nicht wiederzuerkennen, das Wasser stand fünf, zehn Zentimeter hoch. Woher die Iren plötzlich ihre Regenschirme und dicken Kapuzenjacken zauberten, blieb mir ein Rätsel – als hätten sie nur darauf gewartet. Ohne ein Wort liefen alle los. Wir rannten die Häuserzeilen entlang, den Wassermassen mehr schlecht als recht ausweichend. Patschnass kam ich zurück, während die Iren, kaum durchnässt, wortlos an ihren Schreibtischen verschwanden.

Für mich war der Arbeitstag zu Ende, das Sightseeing hätte beginnen können – wäre da nicht meine Fußbekleidung gewesen. Meine wunderschönen Ledersandalen konnte ich, im wahrsten Sinne des Wortes, entsorgen. Sturzbach-Opfer.

Da wurde mir auch schlagartig klar, warum in dieser Redaktion siebzig Leute in klobigen, gummisohligen Tretern saßen und keine einzige elegante Sandale weit und breit zu sehen war. Funktion vor Ästhetik – eine Lektion, die mir die Dubliner offenbar schon beim Betreten des Büros hatten mitgeben wollen.

Ich reise seither nie mehr ohne wetterfestes Schuhwerk. Auch nicht im Hochsommer. Auch nicht bei Sonnenschein.


 


 
 
 

1 Kommentar


FST
23. Aug.

Super Sabine! Gefällt mir sehr gut! Kurz, prägnant, gute Bilder, lustige Stories. Eine tolle Idee von Dir, Bilder und Text so zu präsentieren. Weiter so, ich bin schon gespannt was da noch so alles kommt im Salon Circle! Liebe Grüße, Franz

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